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"Outcast": Philip Glenister im Interview


Ein Engländer in den USA: Andrew Lincoln tut es für "The Walking Dead", Damian Lewis tat es für "Homeland" und Clive Owen für "The Knick" - immer mehr britische Schauspieler wandern über den großen Teich, um Hauptrollen in amerikanischen TV-Serien zu spielen. Nun ist die Reihe an Philip Glenister: Der Engländer, der vor allem für seine Darstellung des ruppigen DCI Gene Hunt aus der Fantasy-Krimiserie "Life on Mars - Gefangen in den 70ern" (2006/2007) und der Folgeserie "Ashes to Ashes" (2008-2010) bekannt ist, übernimmt den Part des Reverend Anderson in der neuen Horror-Mysteryserie "Outcast" (immer montags, 21 Uhr, auf Fox u.a. bei Sky). Im Juli beginnen die Dreharbeiten zur zweiten Staffel im amerikanischen South Carolina.

Oh-so-famous.de traf Philip Glenister im Rahmen der Stuttgarter Comic Con und plauderte mit ihm über Südstaaten- und andere Dialekte, englischen Tee und über ein mögliches Comeback von Gene Hunt …

 

OSF: Letztes Jahr gaben Sie Ihr Comic Con Debüt. Wie fühlt sich das an?

Philip Glenister: Ja, das ist jetzt meine vierte oder fünfte Comic Con. Wir waren letztes Jahr in San Diego, um die Serie vorzustellen. Es ist wirklich interessant. Und ich bin verblüfft, wie riesig diese Veranstaltungen sind. Inzwischen machen sie einen gewaltigen Teil der Industrie aus, und die Vielfalt an Serien, Filmen etc. ist überwältigend. Man braucht schon ein Wochenende, um überhaupt einen Eindruck davon zu bekommen, was alles geboten wird.

OSF: Haben Sie schon Fans entdeckt, die sich als Reverend Anderson verkleidet haben?

PG: Noch habe ich keine gesehen. Aber mein Outfit ist jetzt auch nicht besonders auffällig.

OSF: Sie haben keine spitzen Ohren oder so …

PG: … und ich trage auch keine Unterhosen über der Hose … (wie Superman, Anm.d.Red.)

OSF: Kannten Sie Robert Kirkmans Arbeiten davor? Und was überzeugte Sie am Skript am meisten?

PG: Ich kannte natürlich "The Walking Dead" von Kirkman, "Outcast" war zu dem Zeitpunkt noch gar nicht erschienen. Am Skript sprachen mich mehrere Dinge an: Zum einen die hohe Qualität der Story, zum anderen die Chance, einmal in den USA zu arbeiten. Immer mehr britische Schauspieler machen den Sprung über den großen Teich, haben Erfolg und genießen ihn. Und ich dachte mir, das will ich auch (lacht). Und man bekommt auch nicht jeden Tag so eine Rolle angeboten. Im Hinblick auf die Figur reizten mich besonders zwei Szenen: Da war einmal die Einstiegsszene in der ersten Folge, in der der Reverend im Hinterzimmer seiner Kirche mit dem Polizeichef und dem Bürgermeister Karten spielt, raucht und trinkt. Und die andere Szene war der Exorzismus des kleinen Joshua, das hatte ich zuvor so noch nie gesehen. Mich beeindruckte vor allem, wie gut die Szenen geschrieben waren und wir mir der Charakter nach nur sechs oder sieben Seiten des Skripts buchstäblich entgegensprang. Das ist immer ein gutes Zeichen. Und ich wusste instinktiv, wie ich den Part für das Casting-Video spielen würde. Und glücklicherweise gefiel es ihnen so gut, dass sie mir die Rolle anboten …

Philip Glenister: "Du machst ein Tape und hörst nie wieder was."

OSF: Sie fragten Sie für den Part an, aber Sie mussten dennoch durch ein Casting?

PG: Die Castingchefin Laray Mayfield hatte einige meiner Arbeiten gesehen und beschwor die Produzenten: "Ihr müsst Euch diesen Typen ansehen, Phil Glenister, ich denke, er wäre großartig für diese Rolle." Die dachten vermutlich: "Phil wer?" (lacht) Dann sagten sie: "Ok, wir vertrauen dir." Also überredete sie meinen Agenten, der wiederum mich überredete, ein Casting-Video aufzunehmen. Normalerweise ist das wie auf dem Viehmarkt, du machst ein Tape und hörst nie wieder was. Doch sie gaben mir die Chance. Und hier sind wir. In Stuttgart. Und rühren die Werbetrommel für die Serie.

OSF: Jede Figur in "Outcast" scheint ihre Geheimnisse zu haben: Kyle Barnes (gespielt von Patrick Fugit) erlebte eine traumatische Kindheit mit einer von Dämonen besessenen Mutter, gerade findet er heraus, dass er der "Outcast" (dt. "der Ausgestoßene") ist. Auch Reverend Anderson hat ein paar Geheimnisse … Wissen Sie bereits alles über ihren Charakter oder bekommen Sie die Hintergrundgeschichte häppchenweise serviert?

PG: Nein, wir erfahren ebenfalls alles nach und nach. Und das wollten wir Schauspieler auch selbst so. Ich denke, dass Reverend Anderson vielleicht sogar derjenige mit den wenigsten Geheimnissen ist. Die einzige Person, vor der er Geheimnisse hat, ist vermutlich er selbst. Er verschließt die Augen vor der Wahrheit. Er hat sich von seiner Exfrau und dem gemeinsamen Sohn entfremdet, ist dem Ruf Gottes gefolgt und sieht sich selbst als "Soldat Gottes". Und das stellt er über alles andere, in seinem Kampf gegen diese undefinierbaren Mächte. Was ihn wiederum zu einer so komplexen und faszinierenden Figur macht, er ist so vielschichtig, was mir an der Rolle so gefällt. 

OSF: Sie haben zum ersten Mal in den USA gedreht, waren erstmals für so lange Zeit so weit weg von zu Hause …

PG: Ja, der Dreh der ersten Staffel dauerte viereinhalb bis fünf Monate. Die Arbeiten an der zweiten Staffel beginnen Ende Juli, nach der Comic Con.

Am meisten vermisste er den englischen Tee

OSF: Was haben Sie in dieser Zeit am meisten vermisst?

PG: Meine Familie, natürlich, meine Töchter. Was noch? Eine gute Tasse echten englischen Tee … (lacht)

OSF: Gerade wollte ich fragen, ob Sie Ihren eigenen Tee mitgebracht haben … 

PG: Das habe ich! Man kann dort zwar englischen Tee kaufen, der kostet ein bisschen mehr …

OSF: Liegt es denn wirklich am Tee? Oder schmeckt er vielleicht auch einfach anders, weil das Wasser anders ist?

PG: Das kann gut sein, aber man kann ja auch Wasser aus der Flasche benutzen. Nein, das war schon irgendwie witzig … Viele Briten sind Kaffeetrinker, ich bin zufälligerweise - und war es immer - Teetrinker. Und ich mag meinen Tee gern stark. Also habe ich meinen eigenen Vorrat an Teebeuteln mitgebracht. Und haben dem Rest der Crew angekündigt, dass ich sie während der Arbeit an der zweiten Staffel zu einem echten englischen Afternoon Cream Tea einladen werde.

OSF: Haben Sie ihnen auch gezeigt, wie man einen echten guten englischen Tee kocht?

PG: Ja, ja, ja. Und sie so "Ja, mach einfach. Wir trinken trotzdem lieber Kaffee, wenn's recht ist" (lacht)

Philip Glenister: "Akzente sind eine Herausforderung"

OSF: Mal abgesehen von Ihrem eigenen Tee haben Sie dort auch einen Akzent. Und zwar nicht einfach nur einen US-Akzent, sondern den eines Südstaatlers … War das schwierig?

PG: Nein, nicht wirklich. Wie beschreib ich das am besten …? Es war mir wichtig, dass ich während meiner ganzen Zeit dort mit diesem Akzent sprach. Natürlich nicht, wenn meine Familie mich besuchte. Ich ging nicht abends in mein Apartment und rief (in breitem Südstaatenslang): "Hey Honey, ich bin zu Hause. Mach mir Tee!" (lacht) Dafür hätte ich vermutlich eine Ohrfeige kassiert. Aber ich fand es irgendwie einfacher. Und ich weiß, dass Andy Lincoln es während "The Walking Dead" so hält, Damian Lewis es für "Homeland" so machte, und ich bin mir sicher, auch Clive Owen sprach während des Drehs zu "The Knick" Akzent. Weil es das Offensichtliche ist, du drehst mit diesem Akzent und du sprichst auch außerhalb der Dreharbeiten so. Und es macht ziemlich Spaß zu sehen, ob du die Einheimischen reinlegen kannst …

OSF: Hat es denn geklappt?

PG: Ja, sogar recht oft. Wir hatten einmal einen Gast am Set und ich (wechselt in breites Südstaatenenglisch) sprach mit Patrick über dies und das und dann sage ich … (wechselt ins Britische) "Ach, übrigens, könnten wir noch etwas davon haben … " Und der Typ schaut mich ganz erstaunt an und fragt (wieder mit Südstaatendialekt): "Jeez, wo kommst du denn her?" Und ich (Britisch): "Ich bin aus London." Er (Südstaatler): "Wie, du bist kein Amerikaner?" Ich (Britisch): "Nein, London." Er (Südstaatler): "Mann, da hast du mich jetzt echt drangekriegt." Das war wirklich witzig. Und ich mag Akzente, sie sind eine Herausforderung. Vor allem bei dieser Rolle, wie gesagt, dieser Rhythmus, und die Dialoge sind so fantastisch geschrieben, man kommt da ganz automatisch rein.

OSF: Es hat fast etwas von einem Gesang.

PG: Ganz genau! Und denke auch, das ist das Geheimnis, wenn man mit fremden Akzenten spielt. Du musst dich in dem Dialekt so wohl wie nur irgend möglich fühlen, sonst hört man, dass er gespielt ist. Sobald du anfängst, dir Gedanken zu machen wie (verfällt in breites fake American English): Oh, ich muss jetzt total Amerikanisch klingen … dann hört sich das sofort irgendwie überzogen und falsch an. Die meisten Briten kennen mich als Gene Hunt aus "Life on Mars", das war für mich der erste Schritt in diese Richtung. Ich spiele ihn mit Manchester-Dialekt, und viele denken, dass ich von dort stamme oder zumindest aus dem Norden Englands. Es macht mir einfach Spaß, die Leute an der Nase herumzuführen.

OSF: Sind Sie für den Part als Gene Hunt auch zu Hause in London im Dialekt geblieben?

PG: Ja, manchmal, aber eher aus Spaß. John (Simm, spielt die Hauptrolle Sam Tyler in "Life on Mars", Anm.d.Red.) und ich alberten immer am Set herum. Wir lieferten uns Wortgefechte nach Art der alten nordenglischen Komiker aus den 70ern, die mit sexistischen, frauenfeindlichen und rassistischen Sprüchen um sich warfen … die imitierten wir gerne in den Drehpausen. Und manchmal tue ich das heute noch, wenn sich eine Dialogzeile dafür anbietet, dann verfalle ich in den nordenglischen Dialekt (klingt jetzt wie Gene Hunt).

OSF: Also ist Gene Hunt immer noch irgendwo in ihrem Leben. Immerhin haben Sie ihn fünf Jahre lang gespielt. Vermissen Sie ihn?

PG: Ja, manchmal vielleicht ein wenig. Es war toll, solange es andauerte. "Life on Mars" und "Ashes to Ashes" haben als Serie großen Spaß gemacht. Aber das ist jetzt zehn Jahre her. Was ich eher vermisse ist: Wo sind diese zehn Jahre hin! Das finde ich erschreckend. Aber das Leben geht weiter, und jetzt genieße ich eben die Herausforderung dieses neuen Kapitels, wenn wir das so nennen wollen. Ashley Pharoah, Co-Autor von damals, hat jetzt eine neue BBC-Serie, eine Horrorstory, die im viktorianischen England spielt ("The Living and the Dead", Anm.d.Red.). Und die scheint gut zu laufen. Jeder macht heute was anderes.

Eine Fortsetzung von "Life on Mars" mit Glenister und Simm?

OSF: Ja, aber in den letzten Tagen gab es da Gerüchte um eine mögliche Fortsetzung von "Life on Mars" …

PG: Das entstand wohl so: Ich wurde danach gefragt und mag wohl so etwas geantwortet haben wie, wenn das Drehbuch toll sein und sie eine unglaubliche Idee hätten, die Gene Hunt und Sam Tyler wieder zusammenbringen könnte, dann würde ich nicht "Nein" sagen. Es wäre idiotisch, die Möglichkeit von vorneherein auszuschließen. Doch im Moment halte ich es für nicht sehr wahrscheinlich. Doch wenn Ashley und Matthew (Graham, Co-Autor, Anm.d.Red.) plötzlich mit einer außergewöhnlichen Idee für einen Kinofilm oder so um die Ecke kämen, dann wäre das eine Möglichkeit. Ich habe dazu im Moment keine Meinung. Und gerade sind wir sowieso alle anderweitig beschäftigt. Und bis dahin machen sie das vermutlich sowieso mit jemand anderem … (lacht)

OSF: Nein, das ginge auf gar keinen Fall! Aber John Simm scheinen Sie schon zu vermissen, denn Sie haben in der Vergangenheit immer wieder zusammen gedreht …

PG: Ja, wir sind wie ein altes Ehepaar … an der Hüfte zusammengewachsen. Ich nenne ihn meinen Gatten und er nennt mich seine Ehefrau, oder eine davon.

OSF: Es gibt ja US-Remakes von "Life on Mars" mit Harvey Keitel als Gene Hunt und "Mad Dogs" (ebenfalls mit John Simm, Anm.d.Red.). Was halten Sie davon?

PG: Das ist eine schwere Frage. Wissen Sie, wenn man so viel Herzblut in ein Projekt steckt und dann gibt es plötzlich ein Remake … Ich weiß, dass eine Zeitung zitiert hat, ich hätte gesagt, ich sei "wütend" darüber. Das stimmt so nicht. Gut, ich würde lügen, würde ich nicht zugeben, dass ich etwas enttäuscht war. Viele britische Schauspieler wünschen sich, dass ein so breites Publikum wie möglich sieht, was sie machen. Aber das ist halt die Natur der Sache … Amerika oder die Studios oder Firmen kaufen Ideen und machen sie für ihr eigenes Publikum noch einmal. So läuft das beim Fernsehen. Aber ich hege keinen Groll dagegen oder gegen irgendwen persönlich. Hätte ich mir gewünscht, die US-Version wäre nicht gefloppt? Natürlich. Denn dann hätte auch unsere Serie mehr Aufmerksamkeit bekommen.

OSF: Sie haben mal gesagt: "Wenn ich zehn Jahre jünger wäre oder keine Kinder hätte, würde ich vielleicht nach Hollywood gehen. Aber ich hatte nie wirklich das Verlangen und heute habe ich keinen Bock mehr drauf, ganz von unten anzufangen. Ich bin zu alt zum Klinkenputzen." Und heute sehen wir Sie in einer US-TV-Show!

PG: Was für einen Haufen Müll ich so von mir gebe (lacht) … Ich denke, ich meinte das so, ich hatte mir damals schon eine ganz nette Karriere in England erarbeitet. Da lag mir der Gedanke fern, irgendwo hinzugehen, wo mich keiner kennt und noch einmal durch diesen ganzen Casting-Prozess zu müssen. Hollywood ist toll, wenn man Arbeit hat, wenn man keine hat, dann macht es dort keinen Spaß. Und ich hatte Verantwortung gegenüber meiner Familie, kleine Kinder, musste ein Haus abbezahlen, meine Frau ist ebenfalls Schauspielerin, mit einer eigenen Karriere. Ich war nicht bereit, das alles aufzugeben, schon gar nicht in meinem Alter. Aber "Outcast" ist mir einfach irgendwie passiert. Und es war meine Frau, die mich dazu ermutigte. Sie sagte: "Wenn du diese Gelegenheit nicht nutzt, wirst du es später bereuen. Also ergreif die Chance, und selbst wenn es nicht klappt, dann kannst du sagen, du hast es probiert und kommst wieder nach Hause." Meine Töchter sind heute älter, sie verstehen, was ich mache, und dass es ein Teil meines Berufs ist, dass ich auch mal länger weg bin. Zum Glück gibt es ja FaceTime und Skype. Also packte sie meine Tasche, warf mich aus dem Haus, schmiss die Tasche hinterher - der Inhalt flog in alle Richtungen - und rief: "Los, jetzt hol dir schon dein Visum!" Und sie hatte verdammt recht damit (lacht).

OSF: Und so kam Hollywood zu Ihnen.

PG: Sagen wir mal, wir haben uns in der Mitte getroffen. Und es ist noch ein bisschen früh, was "Outcast" angeht. Wir machen definitiv eine zweite Staffel und dann geht es hoffentlich weiter. Und was auch immer geschieht, ich bin sehr stolz darauf, ein Teil des Projekts sein zu dürfen.

"Outcast" läuft immer montags um 21.00 Uhr auf Fox u.a. bei Sky

(Interview: Simone Jung)

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Autor: Simone Jung